My Writings. My Thoughts.
10 Jahre, 10 Filme – Ein Cineastischer Rückblick Auf Eine Dekade
by Manuel | | January 24th, 2010 | Manuel, columns & rants, movies, reviews
21 Grams (2003)
Auf den Punkt perfekt definierte Charakteranalyse über die Bedeutung von Liebe in unserer heutigen Zeit und die Schwere der Menschlichkeit. Wie weit würde man für Liebe gehen? Was würde uns dazu bringen einen Menschen zu töten oder seine Ermordung zu billigen? Themen die mich gerade Heute sehr beschäftigen und die zunehmend in meine Arbeiten einfließen. Dieser Film ist eine unheimliche Inspiration für mich und nicht nur einer der ganz großen Filme der letzten Dekade, sondern einer meiner Lieblingsfilme überhaupt. [...]
Die Klavierspielerin / La Pianiste (2001)
Der Film der mich auf einen meiner, aus heutiger Sicht, Lieblingsregisseure – nämlich Michael Haneke – aufmerksam gemacht hat. Ich muss zugeben dass ich mir zunächst sehr unsicher war ob ich diesen Film “Caché” vorziehen soll, den ich auch unheimlich liebe und jedem empfehlen würde ihn sich anzusehen, aber mein rein nostalgischer Grundgedanke und meine melancholische Zuneigung zum Symbolismus (2001 ist eine Zahl die sich wie ein roter Faden durch mein Leben zieht) taten meiner Entscheidung genüge.
Ein unglaublicher Film und wohl der erste Film den ich je gesehen habe der mich bis zum Schluss tatsächlich schockierte und schwer mitnahm. Man sagt Haneke nach dass er einen sehr kalten, emotionslosen Stil hat und seine Menschen gleichgültig, zynisch und schlicht unmenschlich wirken. Und auch wenn ich das nicht abstreiten will (man kann das ja auch durchaus positiv sehen), hat er hier doch ein tiefes Charakterdrama geschaffen das mit Erika Kohut eine durchaus facettenreiche Protagonistin aufweisen kann, deren Beweggründe für viele zwar unnahbar, aber nie unverständlich wirken. Man wird sich zwar schwer mit ihr identifizieren können, ihr leiden ist einem aber zu jeder Zeit bewusst, weswegen das Ende umso mehr wie ein Schlag in die Magengrube wirkt. Toller Film, toller Regisseur und mit Issabelle Huppert eine unglaubliche Hauptdarstellerin.
A Tale Of Two Sisters (2003)
Unbestritten waren die 2000er wohl die Jahre der asiatischen Horrorfilme, oder zumindest ihres großen Booms im westlichen Raum. Umso überraschter war ich gerade über diesen Film der neben solchen Größen wie ‘Ringu’ und ‘Ju-On’, zumindest bei mir, völlig untergegangen ist. Ein kleiner Film aus dem koreanischen Raum der mich, mehr als ich es erwartet hätte, völlig in sich hinein gezogen, gefesselt und fasziniert hat, wie kein zweiter Horrorfilm der letzten Jahre. Womöglich weil sich gerade dieser Streifen so erschreckend wenig wie ein Horrorthriller angefühlt hat.
Die Angst, die diesen Film umschlungen hat, kam mehr in Portionen eines surrealen Charakterdramas. Die Schwestern, Su-Mi und So-Yeon werden seit Jahren von ganz eigenen Geistern, die sich in Form ihrer eigenen Psyche erkennbar machten, heimgesucht. Beide teilen eine tiefe, tragische Verbundenheit und eine Liebe zueinander, wie sie es mit keinem anderen Menschen teilen könnten. Ihre Stiefmutter fungiert als pervertiertes Abziehbild einer bösen Stiefmama aus Grimms Märchen und ihr Vater ist in seinem innersten wohl schon seit mehreren Jahren ‘tot’. Selbst als der Film letzten Endes in das Fantastische übergeschwungen ist, wirken seine Charaktere so… schockierend glaubwürdig, menschlich und bodenständig. Der wahre Horror ist auf einer weitaus psychologischeren Ebene. Glanzvoll, für mich ein perfektes Beispiel, wie ein Horrorfilm auszusehen hat. Zumindest, um mir zu gefallen.
Silentium! (2004)
Wieder ein, für mich, sehr schwieriger Fall. Welche Brenner-Verfilmung soll es denn sein? Gehe ich rein vom Unterhaltungswert aus, muss ich sagen, dass ich in weiten Teilen ‘Komm, süßer Tod‘ wesentlich mehr genossen habe. Die Gags waren schärfer und der großartige Simon Schwarz wesentlich präsenter. Auch dachte ich darüber nach, beide Filme als ein großes ganzes hier miteinander zu verbinden und sie als einen ganzen Film zu betrachten. Doch dafür sind beide Streifen viel zu verschieden, sowohl atmosphärisch als auch thematisch. Die Thematik war es dann, die mich doch dazu verleitet hat, Silentium den Vorzug zu gewähren. Nicht nur, dass mich die beissende Kirchengroteske in all meiner Faszination für Religion und wie diese gelebt wird, wesentlich mehr interessiert als Korruption im österreichischen Gesundheitswesen. Auch der allgemeine Kriminalfall war um einiges spannender, durchdachter und vielschichtiger. Zwar war der Stoff viel zu zynisch und bitter um als ‘reine Unterhaltung’ genossen zu werden, auf lange Sicht gesehen trug ich letzt endlich allerdings mehr Diskussionsstoff davon als noch bei ‘Komm, süßer Tod’. Und darauf kommt es für mich dann doch mehr an.
The Boat That Rocked (2009)
Großartig, schlicht und ergreifend. Für mich die, mit Abstand, beste britische Komödie dieser Dekade. Neben pech-schwarzem, zynischem Humor bietet der Film mit all seinen liebenswerten Charakteren und einem der besten Soundtracks aller Zeiten, alles was mein royales Herz begehrt. Richtig überrascht haben mich nicht nur die – für eine Komödie diesen Ausmaßes – zahlreichen Twists in der Handlung, sondern auch wie bitter und bösartig sie mir vor den Latz geschossen wurden. Ich kann gar nicht die vielen Male wiedergeben, in denen ich mir unsicher war ob ich lachen oder geschockt das Unterkiefer ‘runter klappen sollte.
Die Kritik an der konservativen, britischen Gesellschaft die auch heute noch durchaus von Relevanz ist, hat mir in seiner Subtilität besonders gut gefallen. Hier wurde nicht einfach nur plump mit dem Hammer des tieferen Sinnes auf die Tischplatte gehauen, sondern das ganze wunderbar am Rande, und dennoch bemerkbar, ‘runter gekurbelt.
Und gebt Nick Frost mehr Rollen! Fuck!
The Constant Gardener (2005)
Die Verfilmung meines Lieblingsbuches von John le Carré ist zugleich auch meine Lieblingsromanverfilmung dieser Dekade. Man kann es nicht abstreiten, John le Carré ist ein sehr politischer Autor. Dieses Muster hat sich durch so ziemlich jeden seiner Werke gezogen was ihn aus vieler Sicht zu einem durchaus Kontroversen Schreiberling machte. Was mir an vielen seiner Büchern immer recht bitter aufstoss war die Art wie er mit seinen Charakteren umging, oder besser gesagt wie er ‘nicht’ mit ihnen umging. Ohne ihnen Eindimensionalität zu unterstellen, merkte ich dann doch wie Figuren mit Profil oft der größeren Message wofür sie stehen zum Opfer fielen (Die Libelle). Bis ich ‘The Constant Gardener’ gelesen habe.
Für den Film gilt das selbe, wie für das Buch. Neben der mehr als berechtigten Kritik an britische Pharmakonzerne und wie sie für ihren guten Profit vor allem afrikanische Länder ausnutzen steht hierbei mit Justin Quayle ein melancholischer, durch die Ermordung der liebe seines Lebens schwer geplagter Held im Vordergrund, dessen simple Rachegedanken sich schnell zu etwas deutlich größerem ausbauen. Dem Wunsch das Werk seiner Frau zu vollenden, damit sie endlich in Frieden ruhen kann. Ich war und bin so unfassbar überrascht wie Emotional dieser Film doch ist, ohne dabei eine relevant politische Message aus den Augen zu verlieren. Vielmehr funktioniert diese gerade durch die sich aufgebaute Liebesgeschichte und Justins Melancholie. Vor allem ist hierbei ein Politthriller gelungen, der selbst jemanden wie mir, den man eigentlich mit Politthrillern jagen kann, sehr gut gefallen hat.
Oldboy (2003)
Für mich ungeschlagen die beste Comicverfilmung der Dekade… ach was, aller Zeiten! Das aufgrund eines ausschlaggebenden Punktes: Wir haben es hier mit einem der seltenen Fälle zu tun, in dem die Verfilmung besser ist als die Vorlage! Wobei ich sagen muss dass diese Behauptung in gewisser Weise durchaus unfair ist. Beide Medien funktionieren im Grunde auf zwei verschiedenen Ebenen. Zum einen haben wir hier den Manga, der mehr als Bodenständige Neo-Noir Hommage an den Stoff ‘ran gegangen ist und einen ernsthaften Krimi zu erzählen versucht. Zum anderen haben wir eine surreale Mysteryklausel über Liebe, Verlust und Rache und dem Wunsch, das genommene Leben zurück zu gewinnen. Gerade im Motiv der Rache unterscheiden sich beide Medien völlig. Wo im Manga der Hauptcharakter, Gatô, Versucht endlich ein normales Leben zu führen und den Wunsch nach Rache dem zugunsten Unterdrückt – und nur gezwungen durch seinen Peiniger versucht die letzten 10 Jahre zu re-konstruieren, ist Oh Dae-Su im Film ein entschieden rabiaterer Charakter der aus eigenem Willen sich auf das Spiel seines Widersachers einlässt.
Was den Film allerdings wesentlich besser macht als den Manga ist nicht nur das wesentlich komplexere Ende, sondern das Motiv des Antagonisten. Viel durchdachter, viel geschmeidiger in die Handlung integriert und vor allem glaubwürdiger. Sehr ironisch wenn man bedenkt dass gerade der Manga versucht hat ein realistisches Bild zu erzeugen und sich dann ein Ende aus der Nase zieht, dass man mit dem Psychologieholzhammer bearbeitet hat.
Wie schon bei der Klavierspielerin machte mich auch Oldboy auf einen weiteren Regisseur aufmerksam, Park Chan-Wook, den ich ebenfalls in meine Liste der ganz großen Filmschaffenden aufgenommen habe.
Inland Empire (2006)
David Lynch tut das, was David Lynch am besten kann: mit den Gehirnen seiner Zuseher ficken und trotzdem für ordentlich Gesprächsstoff sorgen, wenn man sich denn erst einmal beruhigt hat. Und dabei seinen besten Film seit Lost Highway aus den Ärmeln schütteln. Mulholland Drive mag zwar als ganzes gesehen ein wesentlich erträglicher Film sein. Allerdings hat er, für mich, einen sehr bitteren Nachgeschmack dass es sich dabei um den Pilotfilm einer Serie handelt, die niemals verwirklicht wird. Und das merkte man ihm leider Gottes zu jeder Zeit an. Viele spannende Ideen die in der Luft gelassen wurden und nur so vor sich hin torkelten.
Gerade da ist Inland Empire wesentlich runder, auch wenn man es nicht wahr haben will wird jede begonnene Idee filmisch zu Ende gedacht. Mit wirren und obskuren, gar unwirklichen Resultaten, aber immerhin mit einem bestehenden Abschluss. wie man das ganze nun aufnimmt und interpretiert bleibt ganz und gar dem Zuseher überlassen. Gibt es eine logische Erklärung für das geschehene? Wer weiß. Sollte man es erklären? Eher nicht. Aber die Tatsache, dass es einem überlassen wird, ohne dass dabei der Film als großes Ganzes verfälscht wird, zeigt was Lynch von vielen Filmemachern unterscheidet, die seinen Stil und seine Art zu erzählen kopieren versucht: es gibt immer eine Erklärung für den Wahnsinn. Aber dennoch bleibt es Wahnsinn.
Control (2007)
Der Film hat für mich ein kleines Kunststück geschafft. Zum einen hat man sich das Ziel gesetzt das Leben um Joy Division Frontmann Ian Curtis düster und kritisch zu betrachten. Von seinem Leiden, über seine Exzesse bis hin zu seiner unvermeidlichen Selbstzerstörung. Und trotz Allem ist es wohl die emotionalste und schönste filmische Biografie, die man zu Ehren der musikalischen Legende hätte machen können. Überhaupt punktet der Film in einer Hinsicht, wo so manch andere Biografie versagt: er hat Seele.
Memento (2000)
Eine emotionale Symphony der Rache die das wohl simpelste Filmkonzept der Welt aufgriff, und ihm ein erfrischendes Facelift unterzog. Die stärke des Filmes liegt allerdings nicht nur in seiner kreativen Erzählweise (die es trotz zunächst wirrer Struktur schafft, die Geschichte angenehm unanstrengend zu erzählen), sondern in seinen wunderbar vielschichtigen Charakteren. Leonard ist eine Figur wie sie sich ein Raymond Chandler hätte ausdenken können. In ihm schlummert ein Dämon, und obwohl John G. seine Frau ermordet hat, ist er aufgrund seiner Amnesie wohl selbst sein größter Feind.
In dieser düsteren Welt gibt es keine Guten und auch keine Bösen. Jeder Charakter ist überhäuft von Graustufen. Leonards unerbittliche Liebe zu seiner Frau ist es, die die Geschehnisse ankurbelt und bis zum tragischen Finale (oder Anfang) geleitet. Wer bei seinem melancholischen Monolog in dem er seine unsterbliche Liebe rezitiert keine Herzschmerzen bekam, hat den Film wohl nur halbherzig mitverfolgt. Das ist es, was den Film so besonders macht. Er ist ein schwer emotionaler Trip der auch vom Zuseher viel Gefühl abverlangt. Wunderbar.










